Wer schon einmal den Klammweg auf den Pfaffenstein gegangen ist, der ist am Jäckelfels mit seiner auffälligen Plakette vorbeigekommen.
Ebenso ins Auge fällt dem Kletterer die glatte Wand darüber und, zumal dort Ringe stecken, die linke Begrenzungskante, direkt am
Eingang des Klammweges. Das ist der "Lohn der Angst" - ein 1983 von Bernd Arnold erstbegangener Weg mit eigenem Flair. Gute Leute
haben sich hier versucht nur 8 sind hochgekommen, 3 davon mit Schwebe. Ohne diese waren nur J.Hudecek, W.Güllich, C.Rusch, C.Günther
und Jens Richter erfolgreich. Unter Schwebesicherung wird hier die zusätzliche Sicherung fast von oben, vom Massiv bis zum 3.Ring
verstanden, nach sächsischen Regeln kein vollwertiger Vorstieg. Für mich als Kantenfan ist dieser Weg eine der größten Herausforderungen
unseres Gebirges überhaupt. Entsprechend heiß war ich natürlich auf diese Tour. Zwar hatte ich schon lange die Idee, den Weg mal zu
klettern, aber die Zeit war noch nicht reif dafür. Im Sommer 1993 ergab es sich, daß wir am Pfaffenstein boofen waren. Von einer
Prüfung erst gegen Mittag angekommen, traf ich die anderen am Förster. Ein Mädchen, Anja, stand noch unten herum, da gerade ein
schwerer Weg geklettert wurde, den sie nicht versuchen wollte. So kam es, daß wir den Rest des Tages zusammen kletterten. Auf der
spontanen Suche nach ordentlichen Wegen im 7.Grad und meinem Interesse, noch einige neue Gipfel zu erklimmen kamen wir zu Jäckelfels.
Er wurde erklommen und das Gipfelbuch durchforstet. "Lohn der Angst" 8 Beg. - die letzte vor etwa zwei Jahren. Das war ja super, so
ein Weg und kaum Begehungen und dann nur bekannte Klettergrößen. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Jetzt war ich in der richtigen
Stimmung, der Fels trocken, die Form gut. Am nächsten Tag machten wir sozusagen als Warmup an der Steinernen Scheune die Nordkante, damit
hatte auch Anja wenigstens schon was geklettert, falls es am Jäckelfels sehr lange dauern sollte. Während also Thomas und Ralf Ewers
bereits den Hafersack erklimmen treffe ich am Jäckelfels ein, Anja klettert derweile mit Tilo u.a. Der erste Ring steckt sehr weit oben,
B.Arnold hat geschwebt, also liegt möglicherweise auch keine Schlinge. Das in günstiger Höhe eine solide Sanduhr liegt kann ich nicht
ahnen, als ich die benachbarte Birke erklimme, um wenigstens eine Notsicherung zu haben. Ein herumstehender Tourist befleißigt sich
einiger Beschimpfungen auf mich, was denn die Birke dafür könne, daß ich an ihr herumklettere. Das bringt mich auf die Palme. Dieser
Mensch hat doch keine Ahnung, worum es geht und auf solide Bäume einmal hinaufzuklettern ist ja nun wirklich kein Verbrechen. Diese
Art der mentalen Vorbereitung kann ich hier freilich gar nicht brauchen. Ich versuche ihm zu erklären, daß mein Leben von dieser Birke
abhängen kann, doch er zeigt Null Einsehen, als ich ihm die Sache darlege. Nun schalten sich auch Thomas und Ralf vom Gipfel des
Hafersacks ein. Der Beschimpfer macht sich bald darauf davon, nicht ohne seine Reden zu wiederholen. Die Aufregung legt sich und als
Thomas und Ralf eintreffen, steht die Abzugssicherung und es kann losgehen. Mit Spreizen und etwas Wandkletterei erreiche ich ein
Querband. Dort steckt weit um die Kante herum der 1.Ring. Die Höhe der Abzugsicherung ist schon erreicht, der Baum steht gut 8m vom
Felsen weg. Zusätzlich von unten, durch die Sanduhr gesichert, stellt das kein Problem dar. Der Ring ist nah der Zug nicht leicht,
es klappt, alles gut. 1.Etappe geschafft. Nun beginnt die Hangelei. Schon mal ganz ordenlich gehts los, bis man Stand auf der Kante
findet. Dort muß man die Seite wechseln und ist fortan links der Kante. Ausgestreckt erreiche ich den 2.Ring. Für Normalverhältnisse
war das schon nicht von Pappe, bezogen auf den Gesamtweg aber nur der Zustieg, denn jetzt wirds interessant. Nur noch die Kante als
Griff, der nächste Sicherungspunkt, ein Ring, etwa 7-8 Meter entfernt. Zweimal klettere ich los, höre aber mit Ring in Kniehöhe wieder
auf. Ich brauche noch etwas Zeit, um die vor mir liegende Strecke zu akzeptieren. Man darf dann nicht mehr an Sturz denken, an den
weiten Weg, oder Angst haben - man muß konzentriert und konsequent, zügig nach oben klettern. Dann ist es soweit, es geht zur Sache.
Die Kante anhangelnd, die Füße machmal nur wenig unter die Hand setzend geht es voran. Nach etwa vier Metern ertaste ich mit der linken
Hand eine Schale in der Wand, das hilft, in normaler Kletterstellung stehend, die Arme etwas zu lockern. Ein Blick nach unten - Sturz
kommt nicht in Frage, abklettern auch nicht. Es gibt nur noch ein Hinauf. Wieder in Hangelstellung wird es knapp. Die Kante geht ein
klein wenig nach außen, da muß man noch höher antreten. Die Arme machen das fast nicht mehr mit. Meine begrenzte Gelenkigkeit wird mir
fast zum Verhängnis. Als ich mal wieder mit der rechten Hand hochfasse bleibt der Schwerpunkt nicht mehr an der Wand und die "Tür" beginnt
aufzugehen. Schnell belaste ich rechte Hand und Fuß und lehne mich weit nach links. Der Körper schwingt zurück - alles o.K. Den Vorteil
der Länge ausnutzend kann ich eine stumpfe Rinne links haltend nun entspannter klettern, erreiche eine Auflage und quere zu dem bekannten
großen Loch. Ein Henkel als Untergriff. Der Ring greifbar nah. Panik will mich erfassen, der Ring muß noch eingehängt werden, eigentlich
kein Problem, aber man könnte ja plötzlich abfallen und wohin ... Ziemlich verkrampft hänge ich ihn ein und kann aufatmen. Wieder der
Blick zurück - unglaublich. Freude erfaßt mich auf der ganzen Linie. Zwar finde ich das nächste Stück klettertechnisch fast noch schwerer,
aber das hält wohl keinen mehr auf, der bis dahin gekommen ist. Auch der Ausstieg hat noch einige Überraschungen zu bieten. Kaum
Sicherungspunkte, dafür eine dünne Flechtenauflage, die immer wegkrümelt oder tückisch am Schuh haftet. Fast wäre ich noch abgetalt,
im einfachen Gelände, doch dann ist es vollbracht. Mein bis dahin wohl größter Vorstieg, und heute gesehen wohl auch immernoch. Für
Thomas und Ralf wird es ein reines Kletterproblem, das Thomas gut und Ralf fast meistern. Öfter wurde ich nachher gefragt, ob ich denn
nicht riesige Angst hatte, doch dafür bleibt bei solchen Aktionen kaum Platz. Vorher Bedenken, am Ring Sorgen und hinterher unsagbare
Freude, aber beim Klettern Angst - kaum. Angst bedrängt und verklemmt, das kann man sich dort nicht leisten, da kommt man nicht hoch.
Steht man irgendwo gut, dann kann einen die Angst plötzlich überkommen. Doch was soll man machen, man bekämpft sie und sobald man seinen
guten Platz verläßt, ist sie weg, denn man muß sich voll auf das Klettern konzentrieren. So ist das eben. Wenn ich jedoch unvermittelt
am Rand einer tiefen Schlucht stehe, habe ich Angst, ziemlich sehr sogar, denn Gedanken von weitem Absturz und sicherem Tod schießen mir
durch den Kopf, beim konzentrierten Klettern haben sie keinen Platz. Viele Leute haben an diesem Tag von mir Fotos gemacht, mich gefilmt,
selber habe ich kein derartiges Andenken. Mir bleibt nur die Erinnerung an diese Stunden, doch die ist nach inzwischen vielen Jahren ungetrübt,
ein Beweis, wie sehr mich das Erlebte beschäftigt hat...
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